New York (awp/sda/afp/dpa) - Die grösste Digitalwährungsbörse Binance hat einen massiven Hackerangriff gemeldet. Das Unternehmen schätzt den Schaden auf 6,3 Milliarden US-Dollar, wobei die Hälfte der Gelder eingefroren wurde, um einen Diebstahl zu verhindern.
Binance veröffentlichte auf der Plattform X mehrere widersprüchliche Nachrichten. Die Börse versicherte zuerst, alle von Kunden auf ihrer Website eingezahlten Gelder seien "vollständig sicher", bevor sie wenig später bekannt gab, sie werde "alle Verluste" decken.
Die Digitalwährungsbörse gab daraufhin an, der gesamte betroffene Betrag belaufe sich auf rund 6,3 Milliarden Dollar. "Wir arbeiteten mit spezialisierten Blockchain-Partnern zusammen, um die betroffenen Vermögenswerte einzufrieren", hiess es in einer Mitteilung. Rund 3 Milliarden Dollar seien bisher eingefroren worden.
Alle Ein- und Auszahlungen sind laut Binance ausgesetzt. Um weitere betroffene Vermögenswerte zu identifizieren und einzufrieren, stehe man mit Behörden, Emittenten, Datenanalysefirmen und Industriepartnern in Kontakt.
Erste interne Untersuchungen von Binance deuten darauf hin, dass der Angriff über den kompromittierten Laptop eines Mitarbeiters aus der Entwicklungsabteilung erfolgt sein könnte. Von dort aus könnten die Hacker Zugriff auf einen internen Rechner erlangt und unberechtigte Auszahlungen ausgelöst haben. Hinweise auf gestohlene private Wallet-Schlüssel gebe es bislang nicht. Stattdessen werde untersucht, ob die Systeme zur Freigabe von Transaktionen manipuliert wurden.
Experten: Grösster Krypto-Hack
Die Krypto-Analysen spezialisierte Firma TRM Labs schrieb die Attacke nordkoreanischen Hackern der Gruppe TraderTraitor zu. Nach Erkenntnissen von TRM bewegten die Angreifer einen Grossteil des Betrages von 6,36 Milliarden Dollar binnen 20 Minuten. Es sei der Angriff auf eine Digitalwährungsbörse mit dem grössten Ausmass gewesen.
Bei der bisher schwerwiegendsten Attacke waren demnach Anfang 2025 rund 1,5 Milliarden Dollar in Digitalwährungen auf der Börse Bybit erbeutet worden. Auch dieser Angriff wurde der nordkoreanischen Hackergruppe zugeschrieben.
"Dies gleicht einem Cyberangriff auf Binance", kommentierte Changpeng Zhao auf X. Der ehemalige Chef der Plattform hat keine operativen Funktionen mehr inne, ist aber immer noch Mehrheitsaktionär der Gruppe. Zunächst schätzte er, die Verluste im Zusammenhang mit dem Angriff könnten "etwas höher" als eine Milliarde Dollar sein.
Mit der Hilfe von Partnern und Stablecoin-Herausgebern gelang es Binance, gestohlene Einheiten im Wert von rund drei Milliarden Dollar einzufrieren. TRM zufolge versuchten die Angreifer, dem Einfrieren gestohlener Digitalwährungs-Einheiten durch Transaktionen mit den Kryptoeinheiten zuvorzukommen. Sie hielten aktuell Kryptowährungen im Wert von rund 2,4 Milliarden Dollar, an die deren Herausgeber nicht herankämen. Über den Verbleib des restlichen Betrags konnten die Analysten keine Angaben machen.
Kryptowährungen fallen
Während mehrerer Stunden, bevor Binance den Angriff am Freitag gegen 0.30 Uhr bestätigte, hatten Spezialisten behauptet, Hacker seien in die Plattform eingedrungen. Daraufhin brachen die Kurse aller wichtigen Kryptowährungen kurzzeitig ein - mit Ausnahme der Stablecoins, deren Wert an eine traditionelle Währung, wie den Dollar, gekoppelt ist und welche per Definition nur in sehr engen Grenzen schwanken können.
Der Bitcoin fiel zeitweise unter 77'000 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit rund sechs Wochen. Der Kurseinbruch führte zudem zu Zwangsschliessungen gehebelter Handelspositionen an den Derivatemärkten im Wert von mehreren Millionen Dollar.
Nachdem der Bitcoin am Ende des US-Handelstags um fast 5 Prozent gefallen war, erholte sich die Krypto-Leitwährung wieder und stand gegen 6 Uhr nur noch um 0,8 Prozent tiefer, während sich die Währung Ether ebenfalls leicht um 0,8 Prozent im Minus befand. Die von Binance ausgegebene Kryptowährung BNB erholte sich um 2,7 Prozent, nachdem sie zuvor um fast 10 Prozent eingebrochen war.
Der Cyberangriff auf Binance erfolgt in einer Zeit, in der sich mehrere Beobachter besorgt zeigen, dass die Fähigkeiten von KI-Modellen die Kryptografie und die IT-Sicherheitsprotokolle gefährden könnten. Das Blockchain-Protokoll, die Grundlage von Kryptowährungen, stützt sich auf die Kryptografie. Dies soll die theoretische Unverletzlichkeit des Systems und die Sicherheit der Transaktionen gewährleisten.